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Rede von Prof. Morsch

Im Namen der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten sowie der Gedenkstätte und dem Museum Sachsenhausen darf ich Sie alle ganz herzlich zur heutigen Veranstaltung begrüßen, die wir gemeinsam mit der Georg-Elser-Initiative-Berlin ausrichten.

Heute vor 75 Jahren, am 8. November 1939, explodierte die von Georg Elser gebaute und im Münchener Bürgerbräukeller in einer Säule nahe der Rednertribüne versteckte Bombe. Sie tötete 8 Nationalsozialisten, die sich zur jährlichen Feier des Hitler-Putsches 1923 versammelt hatten. Hitler war leider nicht unter ihnen, er hatte kurz zuvor die Jubel-Veranstaltung verlassen. Nach langen, teilweise unter Folter durchgeführten Verhören in der Berliner Zentrale der Geheimen Staatspolizei verschleppten die Nationalsozialisten den kurz nach seinem Attentat verhafteten Württemberger Schreiner in das nur acht Kilometer vor den Grenzen der Reichshauptstadt liegende Konzentrationslager Sachsenhausen.

Das inmitten des Häftlingslagers bereits Ende 1936 in der panoptischen Form eines T’s erbaute Zellengefängnis fungierte seit der Schließung des Berliner Konzentrationslagers Columbia als eine Art Nebenstelle des Hausgefängnisses der Berliner Terrorzentralen. Fast täglich pendelte eine so genannte grüne Minna zwischen der Prinz-Albrecht-Straße und dem Oranienburger Lager hin und her, um die Häftlinge des Zellengefängnisses zu ihren Vernehmungen zu bringen. Zahlreiche andere prominente Häftlinge, unter ihnen z. B. Pastor Niemöller, Herschel Grynspan, Jacob Dschugaschwilli, Bischof Goral, die französischen Minister Delbos und Mandel, der Befehlshaber der polnischen Heimatarmee Grot-Rowecki und viele andere mehr, waren dort zumeist in einem für sie eigens reservierten Flügel des Gefängnisses untergebracht worden. Hier inhaftierte sie die SS als Sonderhäftlinge streng isoliert von den zur Strafvollstreckung in den Zellenbau eingelieferten KZ-Häftlingen. Folter und Mord, die die SS-Männer in dem durch eine Mauer vom Häftlingslager zusätzlich abgetrennten Hof des Zellenbaus häufig verübten, dürften ihnen trotzdem nicht verborgen geblieben sein. Zumeist durfte nur der Chef des Zellenbaus, Kurt Eccarius, und die ihm unterstellten SS-Männer die Zellen der Sonderhäftlinge, die im internen Schriftverkehr nur mit Tarnnamen genannt wurden, betreten, da die SS den Häftlings-Kalfaktoren, zumeist Zeugen Jehovas, zurecht nicht trauten.

Der Häftling Eller, wie die SS den Hitler-Attentäter nannte, wurde im Februar 1940 in den Zellenbau gebracht, der der persönlichen und unmittelbaren Befehlsgewalt des KZ-Kommandanten unterstand. Dort macht man die zwei am äußersten östlichen Ende des Prominentenflügels liegenden Zellen 12 und 13 frei, riss die Zwischenwand nieder und richtete Elser eine kleine Werkstatt ein, in der er seine Bombe nachbauen sollte. Fünf lange Jahre war Elser im Sachsenhausener Zellenbau in strenger Isolation eingesperrt. Zwei SS-Männer überwachten ihn Tag und Nacht, um einen möglichen Selbstmord zu verhindern. Gelegentlich erhielt Elser Besuch durch ranghohe Nazis, auch vom Reichsführer SS Heinrich Himmler, der bei seinen häufigen Besichtigungen im Konzentrationslager bei der Reichshauptstadt, von wo aus die KZ-Inspektion das gesamte System der Konzentrationslager dirigierte und verwaltete, es selten versäumte, den Hitler-Attentäter in seiner Zelle aufzusuchen. Nur der britische Captain Payne Best, der als angeblicher Drahtzieher des Attentats im niederländischen Venlo entführt und auch in den Zellenbau des KZ Sachsenhausen verschleppt worden war, war länger dort inhaftiert. Denn als Georg Elser Anfang Februar 1945 in das KZ Dachau mit dem schriftlich formulierten Befehl verlegt wurde, ihn bei erstbester Gelegenheit zu ermorden, verblieb der britische Geheimdienstoffizier in seiner Zelle und überlebte.

Johann Georg Elser war kein unpolitischer Mensch. Heute wird er, nachdem man ihn sowohl in der Bundesrepublik als auch in der DDR jahrelang ignoriert hatte, vor allem als ein einfacher Mann aus dem Volk dargestellt, der weniger mit seinem politischen Verstand als mit seinen Gefühlen dem so genannten Dritten Reich ablehnend gegenüberstand. In erster Linie wird seine Zivilcourage gelobt, und das ist auch berechtigt. Doch sein waches politisches Interesse, das ihn in der Weimarer Republik zu den freien Gewerkschaften führte und ihn zumindest zeitweilig mit den Kommunisten sympathisieren ließ, wird gerne herunter gespielt. Dass er nach eigenen Angaben in den Jahren, in denen sein Attentatsentschluss reifte, sogar öfter Radio Moskau hörte und bei seiner gescheiterten Flucht in die Schweiz unter dem Revers seiner Jacke den Anstecker des Rot-Frontkämpfer-Bundes trug, wird nicht selten ganz verschwiegen. Hält man es heute für nötig, so das Andenken an ihn schützen zu müssen?

Heute wird ähnlich wie in den Anfängen der Bundesrepublik bei den offiziellen Gedenkveranstaltungen am 20. Juli vorwiegend wieder an den Staatsstreichversuch der Offiziere um Stauffenberg oder die mutige Aktion der Münchener Studentinnen und Studenten erinnert, die sich die Weiße Rose nannten. Der einfache Arbeiter Georg Elser wird dabei gerne als ein Pendant, als eine Art Feigenblatt, zu dem aus Adel und Bürgertum stammenden Widerstandskämpfern genannt, wobei zumeist nicht versäumt wird, darauf hinzuweisen, dass er ein Einzelgänger gewesen sei. Das ist im Hinblick auf die Vorbereitungen für das Attentat und seine Durchführung nicht falsch. Doch Elser war zugleich politisch tief geprägt durch das von der deutschen Arbeiterbewegung bestimmte soziale Milieu, zu dem er sich selbst in seinen Vernehmungen bei der Gestapo offen bekannte.

Schaut man sich nämlich die Vernehmungsprotokolle der Gestapo genau an, dann erkennt man in den klaren und keinesfalls naiven oder unintelligenten Schilderungen seiner Überlegungen, die ihn zum Attentat führten, einen sehr engagierten, interessierten und moralisch empörten Arbeiter, der keinesfalls unpolitisch war, der vielmehr viel besser als die intellektuellen Eliten in Deutschland die Politik des „Dritten Reiches“ durchschaute. Während die allermeisten gut situierten Bürger entweder die weit gesteckten Ziele des Nationalsozialismus teilten oder seine verbrecherischen Absichten in bewusster Selbsttäuschung ignorierten, durchblickte der Schreiner aus Königsbronn sehr wohl das Lügengewebe nationalsozialistischer Propaganda. Liest man etwa die Erinnerungen von Joachim Fest an seinen Vater, den Direktor eines Münchener Gymnasiums, so hat man den Eindruck, als ob die Nationalsozialisten – folgt man seiner Schilderung durchweg Emporkömmlinge, Anstreicher und Teppichbeißer – vor allem von wahrhaft humanistisch gebildeten Bürgern abgelehnt wurden. Dabei übersieht der ehemalige Herausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und Verfasser einer bis heute das Bild des Diktators prägenden Hitler-Biographie wohl nur zu gerne, dass ein anderer, damals wohl bekannter Direktor eines Münchener Gymnasiums der Vater von Heinrich Himmler war. Trotz bester Kenntnisse von Aristoteles und Plato, Cicero und Caesar, Goethe und Schiller teilte Himmler Senior die verbrecherischen Ansichten seines Sohnes voll und ganz. Auch humanistische Bildung war leider kein Allheilmittel gegen Verblendung und Fanatismus.

Der seit seiner erfolgreich beendeten Schreinerlehre ständig in Arbeit stehende, mit sozialer Not und Elend in der Arbeiterschaft vertraute Elser durchschaute anders etwa als ein Goerdeler auch das nationalsozialistische Volksgemeinschaftsgedudel, von dem sich selbst heute wieder viele, nicht zuletzt Historiker, einlullen lassen, als das, was es wirklich war: „Nach meiner Ansicht“, so erklärt Elser gemäß dem Protokoll seiner Vernehmung am 19. November 1939, „haben sich die Verhältnisse in der Arbeiterschaft nach der nationalen Revolution in verschiedener Hinsicht verschlechtert.“ Der vor dem Attentat in der Versandabteilung einer Heidenheimer Armaturenfabrik beschäftigte Handwerker begründet dies zum einen mit dem nach der Weltwirtschaftskrise auch im NS-Regime weiter abgesunkenen Reallohnniveau. „Ferner“, so führt er weiter aus, „steht die Arbeiterschaft nach meiner Ansicht seit der nationalen Revolution unter einem gewissen Zwang. Der Arbeiter kann z. B. seinen Arbeitsplatz nicht wechseln wie er will, er ist heute durch die HJ nicht mehr Herr seiner Kinder und auch in religiöser Hinsicht kann er sich nicht mehr frei betätigen… Deswegen hat die Arbeiterschaft gegen die Regierung ‚eine Wut‘.“

Auch die sogenannte nationalsozialistische Friedenspropaganda, der selbst bedeutende Staatsmänner wie Daladier und Chamberlain auf den Leim gingen, wurde von dem in einem kleinen württembergischen Dorf als uneheliches Kind Geborenen nicht wirklich ernst genommen und geglaubt: „Ich war bereits voriges Jahr um diese Zeit der Überzeugung“, so heißt es weiter im Vernehmungsprotokoll, „dass es bei dem Münchener Abkommen nicht bleibt, dass Deutschland anderen Ländern gegenüber noch weitere Forderungen stellen und sich andere Länder einverleiben wird und dass deshalb ein Krieg unvermeidlich ist…“ Dabei stellte sich Elser selbst keinesfalls als besonders hellsichtig dar, wie ihm Eitelkeit überhaupt wesensfremd war. Vielmehr wurde, so führt er weiter aus, im Herbst 1938 nach seinen Feststellungen in der Arbeiterschaft allgemein mit einem Krieg gerechnet und es habe deshalb große Unruhe geherrscht. Seine Motive für das Attentat in einem Satz zusammenfassend, erklärte er schließlich laut Vernehmungsprotokoll. „Die seit 1933 in der Arbeiterschaft von mir beobachtete Unzufriedenheit und der von mir seit Herbst 1938 vermutete unvermeidliche Krieg beschäftigten stets meine Gedankengänge.“ Und er fährt weiter fort: „Die von mir angestellten Betrachtungen zeitigten das Ergebnis, dass die Verhältnisse in Deutschland nur durch eine Beseitigung der augenblicklichen Führung geändert werden könnten.“

Elser war sich also anders als viele seiner Zeitgenossen sehr wohl bewusst, dass unter den vielen NS-Verbrechern Adolf Hitler als krimineller Haupttäter und egomanischer Diktator weit herausragte. Während viele Deutsche nicht nur im sogenannten einfachen Volk, sondern gerade auch im Bürgertum angesichts manch korrupter Übergriffe der braunen Bonzen Hitler-gläubig seufzten, „wenn das der Führer wüsste“, war sich Elser im Klaren darüber, dass Hitler an den zahllosen Verbrechen, die seit der Machtübernahme 1933 begangenen worden waren, die Hauptschuld trug. Das führte ihn zu der Überzeugung, dass ohne den österreichischen Gefreiten das NS-System in eine ernste Krise geraten würde, vielleicht sogar auseinander brechen konnte.

Es ist richtig: Georg Elser war ein so genannter einfacher Mann aus dem Volk, ein Arbeiter. Doch das ist kein Grund, seine Urteilskraft und Intelligenz zu unterschätzen. Er war ein in den Gewerkschaften und in der Arbeiterbewegung verwurzelter, aufgrund persönlicher Erfahrungen von sozialer Not und Elend politisch denkender Mensch, der die Entwicklung im „Dritten Reich“ genau beobachtete und vorher sah, wohin die Nationalsozialisten und ihre Anhänger Deutschland steuerten. Aufgrund seiner nüchternen und sachlichen Klarsichtigkeit gab er sich auch als Sonderhäftling im Zellenbau des KZ Sachsenhausen keinen Illusionen hin. Trotz Sonderverpflegung, Hobelbank und Zither, die seine völlige Isolierung in den beiden zusammengelegten Zellen 12 und 13 des KZ-Gefängnisses erträglicher machten, war er davon überzeugt, dass ihn die Nationalsozialisten schlussendlich ermorden würden. Die fünf langen Jahre der Isolationshaft scheinen ihn schließlich doch zermürbt zu haben. „Heruntergekommen“, „abgemergelt“, ein teilnahmsloses „Wrack“, so schildert ein SS-Mann den Ankömmling in Dachau, bevor er ihn in die Zelle 6 des dortigen Zellengefängnisses bis zu seiner wenige Wochen später erfolgen Ermordung einsperrte.

In der Mahn- und Gedenkstätte Sachsenhausen wurde Elser bereits vor der deutschen Einheit mit einer Gedenkzelle gewürdigt. Am 70. Jahrestag seines Attentats 2009 schließlich zeigten wir im original erhaltenen Flügel des Zellengefängnisses eine Sonderausstellung über den Hitler-Attentäter, die wir erst vor wenigen Wochen abbauen mussten. Umso dankbarer bin ich der Georg-Elser-Initiative-Berlin dafür, dass wir nun einen Weg gefunden haben, um diesem herausragenden politischen Widerstandskämpfer ein dauerhaftes Gedenkzeichen zu errichten. Es eröffnet den zahlreichen internationalen Besucherinnen und Besuchern der Gedenkstätte auch in der Zukunft die Möglichkeit, des mutigen, hellsichtigen und klar urteilenden Arbeiters aus Königsbronn jederzeit auch hier gedenken zu können, wo er fünf lange und in der Gewissheit seiner letztendlichen Ermordung schwere Jahre in Isolationshaft verbringen musste.

Wer war Elser?

Allein gegen Hitler

Vor 75 Jahren schaffte es der Schreiner Johann Georg Elser beinahe, den NS-Diktator zu töten

Von Nils Sandrisser (epd)

Ein einzelner Mann verübte am 8. November 1939 im Münchner Bürgerbräukeller elser_knickerbocker1ein Attentat auf Adolf Hitler. Johann Georg Elser wollte den Krieg stoppen. Nur ein Zufall rettete den Diktator vor dem Tod.

München (epd). Am 8. November 1939 nehmen um 20.45 Uhr zwei Zöllner in Konstanz einen 36-Jährigen fest, als er auf dem Weg in die Schweiz ist. Die Beamten finden bei dem Schreinergesellen Johann Georg Elser (1903-1945) ein Abzeichen des kommunistischen „Roten Frontkämpferbunds“, Teile eines Zeitzünders und eine Ansichtskarte des Münchner Bürgerbräukellers. Darauf wissen sie sich keinen Reim zu machen, auch nicht auf Elsers geschwollene und vereiterte Knie.

Eine halbe Stunde danach verwüstet eine Bombe den Bürgerbräukeller in München und tötet acht Menschen. Die Explosion reißt ein Loch in die Decke und begräbt ein Rednerpult unter Trümmern. Keine Viertelstunde zuvor hatte dort noch Adolf Hitler gestanden. Ihm galt die Bombe. Elser wird nun vom Fahnenflüchtigen zum mutmaßlichen Attentäter. Tatsächlich ist er neben Oberst Claus Schenk Graf von Stauffenberg der bekannteste Widerständler, der versucht hat, Hitler zu töten.

Es liegt am schlechten Wetter in Berlin, dass dieser Versuch fehlschlägt. Hitlers Flugzeug kann dort nicht landen, der Diktator muss für die Rückreise den Zug nehmen. Deshalb verlässt er den Bürgerbräukeller früher als geplant. Jedes Jahr gedenken die Nazis dort am Vorabend des 9. November ihres gescheiterten Putsches von 1923. Gewöhnlich spricht Hitler stundenlang vor seinen Kumpanen aus der „Kampfzeit“ – so nennen die Nazis die Jahre vor ihrer Machtübernahme.

Elser fasst seinen Entschluss nach dem Münchner Abkommen im September 1938, als Hitler die Abtretung des Sudetenlandes erpresst. Für ihn ist klar, dass der Diktator Krieg will. In der Armaturenfabrik im schwäbischen Heidenheim, in der er arbeitet, bekommt er die Rüstungsanstrengungen des Regimes täglich mit.

Er hatte dabei vor allem moralische, kaum ideologische Gründe, wie Johannes Tuchel erklärt, Leiter der Gedenkstätte Deutscher Widerstand in Berlin. Zwar sei Elser Mitglied des paramilitärischen „Roten Frontkämpferbundes“ gewesen und habe wahrscheinlich kommunistisch gewählt. „Bei dieser Tat steht aber eindeutig die Ablehnung des Kriegs im Vordergrund“, sagt Tuchel. „Das war schließlich die Hauptversammlung des größten Kriminellenvereins Europas.“

Für Elser ist der Bürgerbräukeller der perfekte Ort, Hitler und die gesamte NS-Spitze zu töten. Der Handwerker aus Königsbronn bei Ulm plant seine Tat detailliert, um unbeteiligte Opfer auszuschließen. Er weiß, dass während Hitlers Rede nicht serviert wird. Dennoch stirbt auch eine Kellnerin – weil Hitler schon gegangen war, sprachen die Anwesenden auch wieder dem Bier fleißig zu. „Diese Wendung konnte er bei aller Sorgfalt nicht einplanen“, sagt Tuchel.

Elser erkennt eine Säule hinter dem Rednerpult im Bürgerbräukeller als idealen Ort für eine Bombe. In der Armaturenfabrik stiehlt er nach und nach Teile, die er für den Anschlag benötigt. Dann kündigt er und nimmt eine Stelle in einem Steinbruch an, wo er mehrmals Sprengstoff abzweigt und ihn im Obstgarten seiner Eltern testet.

Mehr als 30 Abende besucht Elser den Bürgerbräukeller und isst dort für 60 Pfennige eine einfache Mahlzeit. Er versteckt sich jedes Mal bis Betriebsschluss in einer Kammer. Nächtelang kniet er neben der Säule und höhlt sie in mühevoller Kleinarbeit aus, um dort schließlich die selbst gebaute Bombe zu installieren. Den anfallenden Schutt trägt er morgens in einem Koffer hinaus und kippt ihn in die Isar. Per Zeitzünder explodiert der Sprengstoff am 8. November pünktlich um 21.20 Uhr – 13 Minuten, nachdem Hitler den Keller verlassen hat.

Die Nazis benutzen das fehlgeschlagene Attentat zur Propaganda. Hitler beruft sich auf die „Vorsehung“, die ihn bewahrt habe. Nach außen behauptet das Regime, Elser sei ein „Werkzeug des britischen Geheimdiensts“.

Aber es gibt keine Hintermänner, Elser hat allein gehandelt. „Ich stellte Betrachtungen an, wie man die Verhältnisse für die Arbeiterschaft bessern und einen Krieg vermeiden kann“, gibt er bei der Gestapo unter Folter zu Protokoll. „Hierzu wurde ich von niemandem angeregt, auch wurde ich von niemandem in diesem Sinne beeinflusst.“ Er habe lange sein Gewissen befragt, ob seine Tat gerechtfertigt sei. Sie sei „keine Sünde im Sinne der protestantischen Lehre“, beharrt er im Verhör. „Ich wollte ja durch meine Tat ein noch größeres Blutvergießen verhindern.“

Die Gestapo steckt Elser zunächst ins KZ Sachsenhausen, später nach Dachau. Kurz vor Kriegsende gibt Hitler im April 1945 den Befehl, Elser zu ermorden. Am 9. April wird er aus der Zelle geholt. Ein SS-Oberscharführer tötet ihn mit einem Genickschuss.

Während Elser Nacht für Nacht still an der Säule im Bürgerbräukeller grub, planten auch Wehrmacht-Offiziere Hitlers Sturz. Im November wollten sie den Diktator entmachten, vor der geplanten Offensive gegen Frankreich. Aber die Mitglieder des militärischen Widerstands zauderten und traten schließlich vorerst ganz von ihren Plänen zurück – nicht zum ersten Mal.

Bereits im September 1939 hatten die Verschwörer in der Wehrmacht einen Putsch in letzter Minute abgesagt. Es sollte noch bis zum 20. Juli 1944 und dem Anschlag Stauffenbergs dauern, ehe den Gegnern Hitlers im Militär eine ähnliche Tat gelang wie dem einsamen Widerstandskämpfer Johann Georg Elser.

Rede von Jürgen Quandt

Sehr geehrter Herr Prof. Morsch, lieber Wolfgang Wieland, sehr geehrter Herr Hochhuth, sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freundinnen und Freunde,

ich möchte miKONICA MINOLTA DIGITAL CAMERAch im Namen der Georg-Elser-Initiative Berlin für Ihre Teilnahme an der Übergabe eines Gedenksteines für Georg Elser in der Gedenkstätte Sachsenhausen herzlich bedanken. Wir freuen uns sehr, dass  es dank der Unterstützung Vieler gelungen ist, zum 75. Jahrestag des Attentats Georg Elsers auf Hitler heute diesen Gedenkstein zum ehrenden Gedenken an Georg Elser und seine Leidenszeit im KZ Sachsenhausen an die Gedenkstätte Sachsenhausen übergeben zu können.

Die Idee dazu ist vor einigen Jahren entstanden, als in Berlin die Errichtung eines Elser-Denkmals beschlossen wurde, dank der Initiative von Rolf Hochhuth und anderen, das am 8. November 2011 der Öffentlichkeit übergeben wurde.

Die Georg-Elser-Initiative Berlin hat, angeregt durch die öffentliche Würdigung Georg Elsers in Berlin, am 22. September 2010 einen Antrag auf Errichtung eines Gedenksteins für Georg Elser in der Gedenkstätte Sachsenhausen gestellt. Angesichts der Tatsache, dass Georg Elser 5 Jahre in Sachsenhausen inhaftiert war als persönlicher Gefangener Hitlers in Isolierhaft ohne Kontakt zu anderen Häftlingen erschien es geboten, auch an diesem Ort mit einem Denkzeichen an ihn zu erinnern. Ziemlich genau 3 Jahre nach unserem Antrag erhielten wir von der Stiftung der Gedenkstätte Sachsenhausen die Zustimmung zur Errichtung des Gedenksteins. Wir danken dafür den zuständigen Gremien sehr, denn die Genehmigung für die Aufstellung dieses Steins war nur möglich, weil die Statuten, die vorschreiben, dass nur Gedenkzeichen für Opfer des Nationalsozialismus hier aufgestellt werden können, die in Sachsenhausen ermordet wurden, in diesem Fall ausnahmsweise nicht angewandt wurden, denn Georg Elser wurde, wie wir wissen, um KZ Dachau umgebracht. Um so mehr freuen wir uns, dass es gelungen ist, nun zum 75. Jahrestages des Attentats hier heute zusammenkommen zu können.

Die Idee dieses Denkzeichens ist die Verbindung dieses Ortes seiner Leiden mit seiner schwäbischen Heimat durch einen Stein aus dem Steinbruch bei Königsbronn, aus dem das Dynamit für die Bombe stammte. Georg Elser hat wie die vielen anderen Opfer der Nazis kein Grab gefunden, und so ist dieser Stein auf eine gewisse Weise auch ein Grabstein für ihn.

Einige von Ihnen, die Sie heute hierher gekommen sind, werden sich vielleicht fragen: Wer ist die Georg-Elser-Initiative Berlin? Wir sind nur eine handvoll Menschen, die im weitesten Sinne mit der evangelischen Kirchengemeinde Heilig-Kreuz-Passion in Berlin-Kreuzberg verbunden sind. Der Anlass für die Entstehung der Initiative war die erstmalige Verleihung eines Georg-Elser-Preises im Jahr 2001 in München an mich als Pfarrer dieser Gemeinde in Würdigung des Einsatzes für Flüchtlinge durch Gewährung von Kirchenasyl. Dieser Preis versteht sich als Auszeichnung für Menschen, die sich unter anderen Umständen als Georg Elser, aber doch mit gleicher Intention gegen staatliches Unrecht wenden und dabei auch zivilen Ungehorsam nicht scheuen. In Folge dieser Preisverleihung bildete sich in Berlin die Georg-Elser-Initiative mit dem Ziel, ebenfalls den Georg-Elser-Preis in Berlin an eine Person zu verleihen, die im Sinne Georg Elsers Zivilcourage bewiesen hatte. Unter der Schirmherrschaft des damaligen Präsidenten des Deutschen Bundestages, Wolfgang Thierse, erhielten 2007 Elias Bierdel, der ehemalige Geschäftsführer des Vereins Cap Anamur und der Kapitän des Schiffes Cap Anamur Stefan Schmidt für ihren Einsatz zur Rettung von Flüchtlingen aus dem Mittelmeer trotz Strafandrohung des italienischen Staates den Georg-Elser-Preis in der Heilig-Kreuz-Kirche.

Georg Elser macht uns das Gedenken an ihn und seine Tat nicht leicht. Sie führt uns in ein ethisches Dilemma. Selbst wenn ein Widerstandsrecht sogar mit gewaltsamen Mitteln unter bestimmten Voraussetzungen nach unserer Verfassung nicht ausgeschlossen ist und auch aus religiösen Gründen der Tyrannenmord nicht grundsätzlich verneint werden kann, so bleibt doch die Frage nach der letzten Instanz, die eine solche Entscheidung treffen darf.  Georg Elser hat – nach dem Verhörprotokoll – die Frage nach persönlicher Schuld angesichts des gewaltsamen Todes von 8 Menschen durch seine Bombe in einem tieferen Sinne – wie er sich ausdrückt – verneint, aber zugleich als Christ, der er wohl war, gewusst, dass er in dieser Frage nicht die letzte Instanz ist und auf Vergebung gehofft.  Das ethische Dilemma besteht darin, dass die Frage nach persönlicher Schuld und letzter Instanz nicht nur an Elsers Tat sich richtet, sondern sich zugleich an alle jene richten muss, die nichts gegen das Unrecht damals unternommen haben.

Das Gedenken an Georg Elsers Tat fällt unauflöslich mit zwei anderen Ereignissen der deutschen Geschichte zusammen, der Reichspogromnacht am 9. November 1938 und dem Fall der Mauer am 9. November 1989 . Der 9. November 1938 war ein barbarischer Akt der gewaltsamen Vernichtung aller religiösen und kulturellen Werte, in dessen Folge die schlimmsten Verbrechen der Menschheitsgeschichte geschahen. Georg Elsers Tat als die Tat eines Einzelmenschen war der scheinbar sinnlose Widerstand gegen eine übermächtige Mordmaschine. Aber gerade darin, dass ihm kein machtpolitisches Kalkül  zugrunde lag, war er vorbildhaft und beispielhaft.

Der 9. November 1989 steht ebenfalls für das Recht auf Widerstand um der Freiheit und des Friedens willen. Auch hier bedurfte es des Mutes der vielen Einzelnen, aber die Einzelnen blieben nicht vereinzelt! Sie wurden zum Volk, das sich erhob.

Elser konnte mit seiner Tat den Krieg und den Judenmord nicht verhindern. Die gewaltfreie Revolution am 9. November 1989 war dagegen erfolgreich. Aber können wir 25 Jahre danach einfach nur unbeschwert feiern? Sind wirklich alle Mauern gefallen? Oder sind nicht gar neue errichtet worden?

Vielleicht kann die Erinnerung an Georg Elser helfen, Antworten auf diese Fragen zu finden.

Als Christ und evangelischer Pfarrer möchte ich mir wünschen und darum bitten, dass Georg Elser, der im Wissen darum, dass er nicht die letzte Instanz war, einen gnädigen und barmherzigen Gott gefunden hat. Ich möchte darum bitten, dass wir uns durch das Beispiel Georg Elsers gemahnen lassen und nicht zulassen, dass Umstände eintreten, die keine andere Wahl lassen als Gewalt um des Friedens und der Freiheit willen.

Vielen Dank!