Rede von Jürgen Quandt

Sehr geehrter Herr Prof. Morsch, lieber Wolfgang Wieland, sehr geehrter Herr Hochhuth, sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freundinnen und Freunde,

ich möchte miKONICA MINOLTA DIGITAL CAMERAch im Namen der Georg-Elser-Initiative Berlin für Ihre Teilnahme an der Übergabe eines Gedenksteines für Georg Elser in der Gedenkstätte Sachsenhausen herzlich bedanken. Wir freuen uns sehr, dass  es dank der Unterstützung Vieler gelungen ist, zum 75. Jahrestag des Attentats Georg Elsers auf Hitler heute diesen Gedenkstein zum ehrenden Gedenken an Georg Elser und seine Leidenszeit im KZ Sachsenhausen an die Gedenkstätte Sachsenhausen übergeben zu können.

Die Idee dazu ist vor einigen Jahren entstanden, als in Berlin die Errichtung eines Elser-Denkmals beschlossen wurde, dank der Initiative von Rolf Hochhuth und anderen, das am 8. November 2011 der Öffentlichkeit übergeben wurde.

Die Georg-Elser-Initiative Berlin hat, angeregt durch die öffentliche Würdigung Georg Elsers in Berlin, am 22. September 2010 einen Antrag auf Errichtung eines Gedenksteins für Georg Elser in der Gedenkstätte Sachsenhausen gestellt. Angesichts der Tatsache, dass Georg Elser 5 Jahre in Sachsenhausen inhaftiert war als persönlicher Gefangener Hitlers in Isolierhaft ohne Kontakt zu anderen Häftlingen erschien es geboten, auch an diesem Ort mit einem Denkzeichen an ihn zu erinnern. Ziemlich genau 3 Jahre nach unserem Antrag erhielten wir von der Stiftung der Gedenkstätte Sachsenhausen die Zustimmung zur Errichtung des Gedenksteins. Wir danken dafür den zuständigen Gremien sehr, denn die Genehmigung für die Aufstellung dieses Steins war nur möglich, weil die Statuten, die vorschreiben, dass nur Gedenkzeichen für Opfer des Nationalsozialismus hier aufgestellt werden können, die in Sachsenhausen ermordet wurden, in diesem Fall ausnahmsweise nicht angewandt wurden, denn Georg Elser wurde, wie wir wissen, um KZ Dachau umgebracht. Um so mehr freuen wir uns, dass es gelungen ist, nun zum 75. Jahrestages des Attentats hier heute zusammenkommen zu können.

Die Idee dieses Denkzeichens ist die Verbindung dieses Ortes seiner Leiden mit seiner schwäbischen Heimat durch einen Stein aus dem Steinbruch bei Königsbronn, aus dem das Dynamit für die Bombe stammte. Georg Elser hat wie die vielen anderen Opfer der Nazis kein Grab gefunden, und so ist dieser Stein auf eine gewisse Weise auch ein Grabstein für ihn.

Einige von Ihnen, die Sie heute hierher gekommen sind, werden sich vielleicht fragen: Wer ist die Georg-Elser-Initiative Berlin? Wir sind nur eine handvoll Menschen, die im weitesten Sinne mit der evangelischen Kirchengemeinde Heilig-Kreuz-Passion in Berlin-Kreuzberg verbunden sind. Der Anlass für die Entstehung der Initiative war die erstmalige Verleihung eines Georg-Elser-Preises im Jahr 2001 in München an mich als Pfarrer dieser Gemeinde in Würdigung des Einsatzes für Flüchtlinge durch Gewährung von Kirchenasyl. Dieser Preis versteht sich als Auszeichnung für Menschen, die sich unter anderen Umständen als Georg Elser, aber doch mit gleicher Intention gegen staatliches Unrecht wenden und dabei auch zivilen Ungehorsam nicht scheuen. In Folge dieser Preisverleihung bildete sich in Berlin die Georg-Elser-Initiative mit dem Ziel, ebenfalls den Georg-Elser-Preis in Berlin an eine Person zu verleihen, die im Sinne Georg Elsers Zivilcourage bewiesen hatte. Unter der Schirmherrschaft des damaligen Präsidenten des Deutschen Bundestages, Wolfgang Thierse, erhielten 2007 Elias Bierdel, der ehemalige Geschäftsführer des Vereins Cap Anamur und der Kapitän des Schiffes Cap Anamur Stefan Schmidt für ihren Einsatz zur Rettung von Flüchtlingen aus dem Mittelmeer trotz Strafandrohung des italienischen Staates den Georg-Elser-Preis in der Heilig-Kreuz-Kirche.

Georg Elser macht uns das Gedenken an ihn und seine Tat nicht leicht. Sie führt uns in ein ethisches Dilemma. Selbst wenn ein Widerstandsrecht sogar mit gewaltsamen Mitteln unter bestimmten Voraussetzungen nach unserer Verfassung nicht ausgeschlossen ist und auch aus religiösen Gründen der Tyrannenmord nicht grundsätzlich verneint werden kann, so bleibt doch die Frage nach der letzten Instanz, die eine solche Entscheidung treffen darf.  Georg Elser hat – nach dem Verhörprotokoll – die Frage nach persönlicher Schuld angesichts des gewaltsamen Todes von 8 Menschen durch seine Bombe in einem tieferen Sinne – wie er sich ausdrückt – verneint, aber zugleich als Christ, der er wohl war, gewusst, dass er in dieser Frage nicht die letzte Instanz ist und auf Vergebung gehofft.  Das ethische Dilemma besteht darin, dass die Frage nach persönlicher Schuld und letzter Instanz nicht nur an Elsers Tat sich richtet, sondern sich zugleich an alle jene richten muss, die nichts gegen das Unrecht damals unternommen haben.

Das Gedenken an Georg Elsers Tat fällt unauflöslich mit zwei anderen Ereignissen der deutschen Geschichte zusammen, der Reichspogromnacht am 9. November 1938 und dem Fall der Mauer am 9. November 1989 . Der 9. November 1938 war ein barbarischer Akt der gewaltsamen Vernichtung aller religiösen und kulturellen Werte, in dessen Folge die schlimmsten Verbrechen der Menschheitsgeschichte geschahen. Georg Elsers Tat als die Tat eines Einzelmenschen war der scheinbar sinnlose Widerstand gegen eine übermächtige Mordmaschine. Aber gerade darin, dass ihm kein machtpolitisches Kalkül  zugrunde lag, war er vorbildhaft und beispielhaft.

Der 9. November 1989 steht ebenfalls für das Recht auf Widerstand um der Freiheit und des Friedens willen. Auch hier bedurfte es des Mutes der vielen Einzelnen, aber die Einzelnen blieben nicht vereinzelt! Sie wurden zum Volk, das sich erhob.

Elser konnte mit seiner Tat den Krieg und den Judenmord nicht verhindern. Die gewaltfreie Revolution am 9. November 1989 war dagegen erfolgreich. Aber können wir 25 Jahre danach einfach nur unbeschwert feiern? Sind wirklich alle Mauern gefallen? Oder sind nicht gar neue errichtet worden?

Vielleicht kann die Erinnerung an Georg Elser helfen, Antworten auf diese Fragen zu finden.

Als Christ und evangelischer Pfarrer möchte ich mir wünschen und darum bitten, dass Georg Elser, der im Wissen darum, dass er nicht die letzte Instanz war, einen gnädigen und barmherzigen Gott gefunden hat. Ich möchte darum bitten, dass wir uns durch das Beispiel Georg Elsers gemahnen lassen und nicht zulassen, dass Umstände eintreten, die keine andere Wahl lassen als Gewalt um des Friedens und der Freiheit willen.

Vielen Dank!