Rede von Prof. Morsch

Im Namen der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten sowie der Gedenkstätte und dem Museum Sachsenhausen darf ich Sie alle ganz herzlich zur heutigen Veranstaltung begrüßen, die wir gemeinsam mit der Georg-Elser-Initiative-Berlin ausrichten.

Heute vor 75 Jahren, am 8. November 1939, explodierte die von Georg Elser gebaute und im Münchener Bürgerbräukeller in einer Säule nahe der Rednertribüne versteckte Bombe. Sie tötete 8 Nationalsozialisten, die sich zur jährlichen Feier des Hitler-Putsches 1923 versammelt hatten. Hitler war leider nicht unter ihnen, er hatte kurz zuvor die Jubel-Veranstaltung verlassen. Nach langen, teilweise unter Folter durchgeführten Verhören in der Berliner Zentrale der Geheimen Staatspolizei verschleppten die Nationalsozialisten den kurz nach seinem Attentat verhafteten Württemberger Schreiner in das nur acht Kilometer vor den Grenzen der Reichshauptstadt liegende Konzentrationslager Sachsenhausen.

Das inmitten des Häftlingslagers bereits Ende 1936 in der panoptischen Form eines T’s erbaute Zellengefängnis fungierte seit der Schließung des Berliner Konzentrationslagers Columbia als eine Art Nebenstelle des Hausgefängnisses der Berliner Terrorzentralen. Fast täglich pendelte eine so genannte grüne Minna zwischen der Prinz-Albrecht-Straße und dem Oranienburger Lager hin und her, um die Häftlinge des Zellengefängnisses zu ihren Vernehmungen zu bringen. Zahlreiche andere prominente Häftlinge, unter ihnen z. B. Pastor Niemöller, Herschel Grynspan, Jacob Dschugaschwilli, Bischof Goral, die französischen Minister Delbos und Mandel, der Befehlshaber der polnischen Heimatarmee Grot-Rowecki und viele andere mehr, waren dort zumeist in einem für sie eigens reservierten Flügel des Gefängnisses untergebracht worden. Hier inhaftierte sie die SS als Sonderhäftlinge streng isoliert von den zur Strafvollstreckung in den Zellenbau eingelieferten KZ-Häftlingen. Folter und Mord, die die SS-Männer in dem durch eine Mauer vom Häftlingslager zusätzlich abgetrennten Hof des Zellenbaus häufig verübten, dürften ihnen trotzdem nicht verborgen geblieben sein. Zumeist durfte nur der Chef des Zellenbaus, Kurt Eccarius, und die ihm unterstellten SS-Männer die Zellen der Sonderhäftlinge, die im internen Schriftverkehr nur mit Tarnnamen genannt wurden, betreten, da die SS den Häftlings-Kalfaktoren, zumeist Zeugen Jehovas, zurecht nicht trauten.

Der Häftling Eller, wie die SS den Hitler-Attentäter nannte, wurde im Februar 1940 in den Zellenbau gebracht, der der persönlichen und unmittelbaren Befehlsgewalt des KZ-Kommandanten unterstand. Dort macht man die zwei am äußersten östlichen Ende des Prominentenflügels liegenden Zellen 12 und 13 frei, riss die Zwischenwand nieder und richtete Elser eine kleine Werkstatt ein, in der er seine Bombe nachbauen sollte. Fünf lange Jahre war Elser im Sachsenhausener Zellenbau in strenger Isolation eingesperrt. Zwei SS-Männer überwachten ihn Tag und Nacht, um einen möglichen Selbstmord zu verhindern. Gelegentlich erhielt Elser Besuch durch ranghohe Nazis, auch vom Reichsführer SS Heinrich Himmler, der bei seinen häufigen Besichtigungen im Konzentrationslager bei der Reichshauptstadt, von wo aus die KZ-Inspektion das gesamte System der Konzentrationslager dirigierte und verwaltete, es selten versäumte, den Hitler-Attentäter in seiner Zelle aufzusuchen. Nur der britische Captain Payne Best, der als angeblicher Drahtzieher des Attentats im niederländischen Venlo entführt und auch in den Zellenbau des KZ Sachsenhausen verschleppt worden war, war länger dort inhaftiert. Denn als Georg Elser Anfang Februar 1945 in das KZ Dachau mit dem schriftlich formulierten Befehl verlegt wurde, ihn bei erstbester Gelegenheit zu ermorden, verblieb der britische Geheimdienstoffizier in seiner Zelle und überlebte.

Johann Georg Elser war kein unpolitischer Mensch. Heute wird er, nachdem man ihn sowohl in der Bundesrepublik als auch in der DDR jahrelang ignoriert hatte, vor allem als ein einfacher Mann aus dem Volk dargestellt, der weniger mit seinem politischen Verstand als mit seinen Gefühlen dem so genannten Dritten Reich ablehnend gegenüberstand. In erster Linie wird seine Zivilcourage gelobt, und das ist auch berechtigt. Doch sein waches politisches Interesse, das ihn in der Weimarer Republik zu den freien Gewerkschaften führte und ihn zumindest zeitweilig mit den Kommunisten sympathisieren ließ, wird gerne herunter gespielt. Dass er nach eigenen Angaben in den Jahren, in denen sein Attentatsentschluss reifte, sogar öfter Radio Moskau hörte und bei seiner gescheiterten Flucht in die Schweiz unter dem Revers seiner Jacke den Anstecker des Rot-Frontkämpfer-Bundes trug, wird nicht selten ganz verschwiegen. Hält man es heute für nötig, so das Andenken an ihn schützen zu müssen?

Heute wird ähnlich wie in den Anfängen der Bundesrepublik bei den offiziellen Gedenkveranstaltungen am 20. Juli vorwiegend wieder an den Staatsstreichversuch der Offiziere um Stauffenberg oder die mutige Aktion der Münchener Studentinnen und Studenten erinnert, die sich die Weiße Rose nannten. Der einfache Arbeiter Georg Elser wird dabei gerne als ein Pendant, als eine Art Feigenblatt, zu dem aus Adel und Bürgertum stammenden Widerstandskämpfern genannt, wobei zumeist nicht versäumt wird, darauf hinzuweisen, dass er ein Einzelgänger gewesen sei. Das ist im Hinblick auf die Vorbereitungen für das Attentat und seine Durchführung nicht falsch. Doch Elser war zugleich politisch tief geprägt durch das von der deutschen Arbeiterbewegung bestimmte soziale Milieu, zu dem er sich selbst in seinen Vernehmungen bei der Gestapo offen bekannte.

Schaut man sich nämlich die Vernehmungsprotokolle der Gestapo genau an, dann erkennt man in den klaren und keinesfalls naiven oder unintelligenten Schilderungen seiner Überlegungen, die ihn zum Attentat führten, einen sehr engagierten, interessierten und moralisch empörten Arbeiter, der keinesfalls unpolitisch war, der vielmehr viel besser als die intellektuellen Eliten in Deutschland die Politik des „Dritten Reiches“ durchschaute. Während die allermeisten gut situierten Bürger entweder die weit gesteckten Ziele des Nationalsozialismus teilten oder seine verbrecherischen Absichten in bewusster Selbsttäuschung ignorierten, durchblickte der Schreiner aus Königsbronn sehr wohl das Lügengewebe nationalsozialistischer Propaganda. Liest man etwa die Erinnerungen von Joachim Fest an seinen Vater, den Direktor eines Münchener Gymnasiums, so hat man den Eindruck, als ob die Nationalsozialisten – folgt man seiner Schilderung durchweg Emporkömmlinge, Anstreicher und Teppichbeißer – vor allem von wahrhaft humanistisch gebildeten Bürgern abgelehnt wurden. Dabei übersieht der ehemalige Herausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und Verfasser einer bis heute das Bild des Diktators prägenden Hitler-Biographie wohl nur zu gerne, dass ein anderer, damals wohl bekannter Direktor eines Münchener Gymnasiums der Vater von Heinrich Himmler war. Trotz bester Kenntnisse von Aristoteles und Plato, Cicero und Caesar, Goethe und Schiller teilte Himmler Senior die verbrecherischen Ansichten seines Sohnes voll und ganz. Auch humanistische Bildung war leider kein Allheilmittel gegen Verblendung und Fanatismus.

Der seit seiner erfolgreich beendeten Schreinerlehre ständig in Arbeit stehende, mit sozialer Not und Elend in der Arbeiterschaft vertraute Elser durchschaute anders etwa als ein Goerdeler auch das nationalsozialistische Volksgemeinschaftsgedudel, von dem sich selbst heute wieder viele, nicht zuletzt Historiker, einlullen lassen, als das, was es wirklich war: „Nach meiner Ansicht“, so erklärt Elser gemäß dem Protokoll seiner Vernehmung am 19. November 1939, „haben sich die Verhältnisse in der Arbeiterschaft nach der nationalen Revolution in verschiedener Hinsicht verschlechtert.“ Der vor dem Attentat in der Versandabteilung einer Heidenheimer Armaturenfabrik beschäftigte Handwerker begründet dies zum einen mit dem nach der Weltwirtschaftskrise auch im NS-Regime weiter abgesunkenen Reallohnniveau. „Ferner“, so führt er weiter aus, „steht die Arbeiterschaft nach meiner Ansicht seit der nationalen Revolution unter einem gewissen Zwang. Der Arbeiter kann z. B. seinen Arbeitsplatz nicht wechseln wie er will, er ist heute durch die HJ nicht mehr Herr seiner Kinder und auch in religiöser Hinsicht kann er sich nicht mehr frei betätigen… Deswegen hat die Arbeiterschaft gegen die Regierung ‚eine Wut‘.“

Auch die sogenannte nationalsozialistische Friedenspropaganda, der selbst bedeutende Staatsmänner wie Daladier und Chamberlain auf den Leim gingen, wurde von dem in einem kleinen württembergischen Dorf als uneheliches Kind Geborenen nicht wirklich ernst genommen und geglaubt: „Ich war bereits voriges Jahr um diese Zeit der Überzeugung“, so heißt es weiter im Vernehmungsprotokoll, „dass es bei dem Münchener Abkommen nicht bleibt, dass Deutschland anderen Ländern gegenüber noch weitere Forderungen stellen und sich andere Länder einverleiben wird und dass deshalb ein Krieg unvermeidlich ist…“ Dabei stellte sich Elser selbst keinesfalls als besonders hellsichtig dar, wie ihm Eitelkeit überhaupt wesensfremd war. Vielmehr wurde, so führt er weiter aus, im Herbst 1938 nach seinen Feststellungen in der Arbeiterschaft allgemein mit einem Krieg gerechnet und es habe deshalb große Unruhe geherrscht. Seine Motive für das Attentat in einem Satz zusammenfassend, erklärte er schließlich laut Vernehmungsprotokoll. „Die seit 1933 in der Arbeiterschaft von mir beobachtete Unzufriedenheit und der von mir seit Herbst 1938 vermutete unvermeidliche Krieg beschäftigten stets meine Gedankengänge.“ Und er fährt weiter fort: „Die von mir angestellten Betrachtungen zeitigten das Ergebnis, dass die Verhältnisse in Deutschland nur durch eine Beseitigung der augenblicklichen Führung geändert werden könnten.“

Elser war sich also anders als viele seiner Zeitgenossen sehr wohl bewusst, dass unter den vielen NS-Verbrechern Adolf Hitler als krimineller Haupttäter und egomanischer Diktator weit herausragte. Während viele Deutsche nicht nur im sogenannten einfachen Volk, sondern gerade auch im Bürgertum angesichts manch korrupter Übergriffe der braunen Bonzen Hitler-gläubig seufzten, „wenn das der Führer wüsste“, war sich Elser im Klaren darüber, dass Hitler an den zahllosen Verbrechen, die seit der Machtübernahme 1933 begangenen worden waren, die Hauptschuld trug. Das führte ihn zu der Überzeugung, dass ohne den österreichischen Gefreiten das NS-System in eine ernste Krise geraten würde, vielleicht sogar auseinander brechen konnte.

Es ist richtig: Georg Elser war ein so genannter einfacher Mann aus dem Volk, ein Arbeiter. Doch das ist kein Grund, seine Urteilskraft und Intelligenz zu unterschätzen. Er war ein in den Gewerkschaften und in der Arbeiterbewegung verwurzelter, aufgrund persönlicher Erfahrungen von sozialer Not und Elend politisch denkender Mensch, der die Entwicklung im „Dritten Reich“ genau beobachtete und vorher sah, wohin die Nationalsozialisten und ihre Anhänger Deutschland steuerten. Aufgrund seiner nüchternen und sachlichen Klarsichtigkeit gab er sich auch als Sonderhäftling im Zellenbau des KZ Sachsenhausen keinen Illusionen hin. Trotz Sonderverpflegung, Hobelbank und Zither, die seine völlige Isolierung in den beiden zusammengelegten Zellen 12 und 13 des KZ-Gefängnisses erträglicher machten, war er davon überzeugt, dass ihn die Nationalsozialisten schlussendlich ermorden würden. Die fünf langen Jahre der Isolationshaft scheinen ihn schließlich doch zermürbt zu haben. „Heruntergekommen“, „abgemergelt“, ein teilnahmsloses „Wrack“, so schildert ein SS-Mann den Ankömmling in Dachau, bevor er ihn in die Zelle 6 des dortigen Zellengefängnisses bis zu seiner wenige Wochen später erfolgen Ermordung einsperrte.

In der Mahn- und Gedenkstätte Sachsenhausen wurde Elser bereits vor der deutschen Einheit mit einer Gedenkzelle gewürdigt. Am 70. Jahrestag seines Attentats 2009 schließlich zeigten wir im original erhaltenen Flügel des Zellengefängnisses eine Sonderausstellung über den Hitler-Attentäter, die wir erst vor wenigen Wochen abbauen mussten. Umso dankbarer bin ich der Georg-Elser-Initiative-Berlin dafür, dass wir nun einen Weg gefunden haben, um diesem herausragenden politischen Widerstandskämpfer ein dauerhaftes Gedenkzeichen zu errichten. Es eröffnet den zahlreichen internationalen Besucherinnen und Besuchern der Gedenkstätte auch in der Zukunft die Möglichkeit, des mutigen, hellsichtigen und klar urteilenden Arbeiters aus Königsbronn jederzeit auch hier gedenken zu können, wo er fünf lange und in der Gewissheit seiner letztendlichen Ermordung schwere Jahre in Isolationshaft verbringen musste.