Wer war Elser?

Allein gegen Hitler

Vor 75 Jahren schaffte es der Schreiner Johann Georg Elser beinahe, den NS-Diktator zu töten

Von Nils Sandrisser (epd)

Ein einzelner Mann verübte am 8. November 1939 im Münchner Bürgerbräukeller elser_knickerbocker1ein Attentat auf Adolf Hitler. Johann Georg Elser wollte den Krieg stoppen. Nur ein Zufall rettete den Diktator vor dem Tod.

München (epd). Am 8. November 1939 nehmen um 20.45 Uhr zwei Zöllner in Konstanz einen 36-Jährigen fest, als er auf dem Weg in die Schweiz ist. Die Beamten finden bei dem Schreinergesellen Johann Georg Elser (1903-1945) ein Abzeichen des kommunistischen „Roten Frontkämpferbunds“, Teile eines Zeitzünders und eine Ansichtskarte des Münchner Bürgerbräukellers. Darauf wissen sie sich keinen Reim zu machen, auch nicht auf Elsers geschwollene und vereiterte Knie.

Eine halbe Stunde danach verwüstet eine Bombe den Bürgerbräukeller in München und tötet acht Menschen. Die Explosion reißt ein Loch in die Decke und begräbt ein Rednerpult unter Trümmern. Keine Viertelstunde zuvor hatte dort noch Adolf Hitler gestanden. Ihm galt die Bombe. Elser wird nun vom Fahnenflüchtigen zum mutmaßlichen Attentäter. Tatsächlich ist er neben Oberst Claus Schenk Graf von Stauffenberg der bekannteste Widerständler, der versucht hat, Hitler zu töten.

Es liegt am schlechten Wetter in Berlin, dass dieser Versuch fehlschlägt. Hitlers Flugzeug kann dort nicht landen, der Diktator muss für die Rückreise den Zug nehmen. Deshalb verlässt er den Bürgerbräukeller früher als geplant. Jedes Jahr gedenken die Nazis dort am Vorabend des 9. November ihres gescheiterten Putsches von 1923. Gewöhnlich spricht Hitler stundenlang vor seinen Kumpanen aus der „Kampfzeit“ – so nennen die Nazis die Jahre vor ihrer Machtübernahme.

Elser fasst seinen Entschluss nach dem Münchner Abkommen im September 1938, als Hitler die Abtretung des Sudetenlandes erpresst. Für ihn ist klar, dass der Diktator Krieg will. In der Armaturenfabrik im schwäbischen Heidenheim, in der er arbeitet, bekommt er die Rüstungsanstrengungen des Regimes täglich mit.

Er hatte dabei vor allem moralische, kaum ideologische Gründe, wie Johannes Tuchel erklärt, Leiter der Gedenkstätte Deutscher Widerstand in Berlin. Zwar sei Elser Mitglied des paramilitärischen „Roten Frontkämpferbundes“ gewesen und habe wahrscheinlich kommunistisch gewählt. „Bei dieser Tat steht aber eindeutig die Ablehnung des Kriegs im Vordergrund“, sagt Tuchel. „Das war schließlich die Hauptversammlung des größten Kriminellenvereins Europas.“

Für Elser ist der Bürgerbräukeller der perfekte Ort, Hitler und die gesamte NS-Spitze zu töten. Der Handwerker aus Königsbronn bei Ulm plant seine Tat detailliert, um unbeteiligte Opfer auszuschließen. Er weiß, dass während Hitlers Rede nicht serviert wird. Dennoch stirbt auch eine Kellnerin – weil Hitler schon gegangen war, sprachen die Anwesenden auch wieder dem Bier fleißig zu. „Diese Wendung konnte er bei aller Sorgfalt nicht einplanen“, sagt Tuchel.

Elser erkennt eine Säule hinter dem Rednerpult im Bürgerbräukeller als idealen Ort für eine Bombe. In der Armaturenfabrik stiehlt er nach und nach Teile, die er für den Anschlag benötigt. Dann kündigt er und nimmt eine Stelle in einem Steinbruch an, wo er mehrmals Sprengstoff abzweigt und ihn im Obstgarten seiner Eltern testet.

Mehr als 30 Abende besucht Elser den Bürgerbräukeller und isst dort für 60 Pfennige eine einfache Mahlzeit. Er versteckt sich jedes Mal bis Betriebsschluss in einer Kammer. Nächtelang kniet er neben der Säule und höhlt sie in mühevoller Kleinarbeit aus, um dort schließlich die selbst gebaute Bombe zu installieren. Den anfallenden Schutt trägt er morgens in einem Koffer hinaus und kippt ihn in die Isar. Per Zeitzünder explodiert der Sprengstoff am 8. November pünktlich um 21.20 Uhr – 13 Minuten, nachdem Hitler den Keller verlassen hat.

Die Nazis benutzen das fehlgeschlagene Attentat zur Propaganda. Hitler beruft sich auf die „Vorsehung“, die ihn bewahrt habe. Nach außen behauptet das Regime, Elser sei ein „Werkzeug des britischen Geheimdiensts“.

Aber es gibt keine Hintermänner, Elser hat allein gehandelt. „Ich stellte Betrachtungen an, wie man die Verhältnisse für die Arbeiterschaft bessern und einen Krieg vermeiden kann“, gibt er bei der Gestapo unter Folter zu Protokoll. „Hierzu wurde ich von niemandem angeregt, auch wurde ich von niemandem in diesem Sinne beeinflusst.“ Er habe lange sein Gewissen befragt, ob seine Tat gerechtfertigt sei. Sie sei „keine Sünde im Sinne der protestantischen Lehre“, beharrt er im Verhör. „Ich wollte ja durch meine Tat ein noch größeres Blutvergießen verhindern.“

Die Gestapo steckt Elser zunächst ins KZ Sachsenhausen, später nach Dachau. Kurz vor Kriegsende gibt Hitler im April 1945 den Befehl, Elser zu ermorden. Am 9. April wird er aus der Zelle geholt. Ein SS-Oberscharführer tötet ihn mit einem Genickschuss.

Während Elser Nacht für Nacht still an der Säule im Bürgerbräukeller grub, planten auch Wehrmacht-Offiziere Hitlers Sturz. Im November wollten sie den Diktator entmachten, vor der geplanten Offensive gegen Frankreich. Aber die Mitglieder des militärischen Widerstands zauderten und traten schließlich vorerst ganz von ihren Plänen zurück – nicht zum ersten Mal.

Bereits im September 1939 hatten die Verschwörer in der Wehrmacht einen Putsch in letzter Minute abgesagt. Es sollte noch bis zum 20. Juli 1944 und dem Anschlag Stauffenbergs dauern, ehe den Gegnern Hitlers im Militär eine ähnliche Tat gelang wie dem einsamen Widerstandskämpfer Johann Georg Elser.